Funksendestelle Scheuder

Bericht von Peter , ehemaliger Leiter der Sendestelle
 

Die bauliche Fertigstellung der Funksendestelle Scheuder erfolgte im Oktober 1980. Im November 1980 zog das erste Personal ein.      Da zu diesem Zeitpunkt die Funksendetechnik noch nicht installiert war, waren diese Kräfte vorerst nur zur Bewachung eingeteilt. Ab Dezember 1980 erfolgte die Installation der Fernmelde- und Sendetechnik. Der erste Funksendebetrieb fand im Juni 1981 statt. Im offiziellen Sprachgebrauch wurde die Funksendestelle unter den Namen "Betriebsstelle 4" bzw. "Objekt 08/115" geführt. Die verbauten Investitionen betrugen mehrere Millionen-DDR-Mark.

 

Die Betriebsstelle 4 befand sich zwischen Dessau und Köthen, in der Nähe der Ortschaft Scheuder. Sie umfasste ein 13,5 ha großes Areal. Diese Fläche war wegen der umfangreichen Sendeantennen notwendig. Zum Einsatz kamen hier:                                                   

3 steilstrahlende Reusenantennen VRG (Höhe34,7m),                     

4 Dipolantennen SHG (Spannweite 70m),                                       

1 Dipolantenne   SHB (Spannweite 40m),                                       

mehrere Richtfunkantennen sowie eine Flugfunkantenne.  

Das gesamte Areal wurde 1983 von einer Hochspannungs-schutzanlage (HSA) umgeben. Diese wurde mit einer Spannung von 20...25 KV betrieben. Sie war nach außen und innen mit zusätzlichen Maschendrahtzäunen gesichert. Außerdem war der Außenzaun  (Höhe 3 m) mit Stacheldraht überspannt. Damit konnte auf Bewachungspersonal verzichtet werden. Allerdings lösten zeitweilig Fasane und Kaninchen die HSA aus, was deutlich zur Verbesserung der schon guten Versorgung beitrug (war aber offiziell verboten).

 

Von der Anzahl der Sender sowie der zur Verfügung stehenden Sendeleistungen gehörte die Betriebsstelle 4 zu den Größten in der NVA. Es standen an Kurzwellensendern zur Verfügung:                                      

4 Sender KN  5-E (  5.000W Sendeleistung)                                            -

5 Sender KN  1-E (  1.000W Sendeleistung)                                            -

2 Sender KN20-E (20.000W Sendeleistung) waren geplant. Deren Lieferung und Montage kam jedoch die Wende zuvor.

Als Verbindungen zur "Außenwelt" standen ein 100-paariges druckluft-überwachtes Kabel zur Nachrichtenzentrale des FuAR-2, ein Richtfunkgerätesatz FM 24/400 als Notverbindung zur Verwaltung Aufklärung , sowie ein Richtfunkgerätesatz R 405 X/N1 zu den mobilen Staffeln und der Nachrichtenzentrale des FuAR-2 zur Verfügung. Unter normalen Bedingungen wurden alle Sender über das 100-paarige Kabel fernmoduliert und teilweise auch fernbedient. Bei Ausfall des Kabels sollte die Richtfunktechnik zum Einsatz kommen.Für absoluten Notbetrieb war eine mobile sowjetische Funkstation vom Typ R-140 D stationiert.   Weiterhin war ein Funkerarbeitsplatz mit moderner Emfangstechnik (EKD315, EZ 111, MG 80, F1100) sowie ein sowjetischer Flugfunkempfänger vorhanden. Über den Flugfunkempfänger wurde der Funkempfang v einer AN-26 (letzte Bezeichnung 373) ermöglicht. Diese war eine modifizierte und mit Funkaufklärungstechnik bestückte Transportmaschine. Durch die an Bord befindlichen Kräfte des FuAR-2 wurde hier, mit erweiterten technischen Möglichkeiten, die Funkaufklärung der NATO-Streitkräfte betrieben. Dringende Meldungen wurden verschlüsselt über Funk abgesetzt und u. a. durch den Diensthabenden Funker in der Betriebsstelle 4 aufgenommen und weitergeleitet.

Zur Stromversorgung standen 2 separate Netzeinspeisungen über eine ISA-2000 zur Verfügung. Bei Ausfall beider Netze sprang automatisch ein Notstromaggregat an, so dass nach ca. 10 Sekunden der Betrieb fortgeführt werden konnte. Als Notstromaggregat kam ein 125 KW-Schiffsdiesel zum Einsatz. Bei normalem Betrieb reichten die 300 Liter Tankinhalt für ca. 8 h. . Eine Nachbetankung erfolgte über die ebenfalls vorhandene 10.000 Liter-Containertankstelle. Das Dieselaggregat befand sich aus Lärmschutzgründen  in einem separaten Gebäude.Weiterhin verfügte die Betriebsstelle 4 über eine unabhängige Wasserversorgung. Hierfür stand ein Tiefbrunnen mit nachgeschaltetem Wasserspeicher und Wasseraufbereitungsanlage zur Verfügung. Die Heizung aller Räume erfolgte elektrisch. Die Raumtemperatur wurde für jeden Raum über Thermostate eingestellt. Bei Netzausfall konnte die Heizung jedoch nicht betrieben werden, da die zur Verfügung gestellte Notstromenergie für die Nachrichtentechnik benötigt wurde. Allerdings entwickelten die Sender genügend Abwärme um damit das Gebäude in einem angenehmen Temperaturbereich zu halten.

Die Betriebsstelle 4 hatte verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Dies resultierte schon allein daraus, dass für  2 verschiedene Dienststellen gearbeitet wurde:                                                                                                    

1. für das FuAR-2   Sicherstellung der Kommandierung für die Funkpeilstellen;                         

2. für das FuAR-2  Sicherstellung der Führungsfunkverbindung zu allen Außenstellen;               

3. für das FuAR-2  Sicherstellung der Führungsfunkverbindungen zu mobilen Staffeln;               

4. für die Verwaltung Aufklärung   Sicherstellung der Führungsfunkverbindung zu untergeordneten Einheiten;

5. für die Verwaltung Aufklärung   Zusammenwirken mit Aufklärungseinrichtungen des Warschauer Vertrages;

6. für die Verwaltung Aufklärung   Reservesendestelle für die Agenturaufklärung.

Letzteres kam sehr selten zum Einsatz, da hierfür 2 weitere Sendestellen zur Verfügung standen. Der Hauptsendebetrieb für die Agenturaufklärung erfolgte über das Funkamt der NVA (auch bekannt als AFZ).  Dieses hatte seinen Standort in der Nähe von Angermünde. Während sich die Empfangsstelle neben dem Ort Crussow befand, war die Sendestelle im Wald bei Senftenhütte untergebracht. Hier stand bedeutend mehr Sendeleistung als in Scheuder zur Verfügung (4 Sender KN20-E, 8 Sender KN5-E und 1 Sender KN1-E).   Weiterer Sendebetrieb erfolgte über das Objekt 137 in Berlin-Mahlsdorf. Dieses Objekt wurde Ende der 80-er Jahre umfassend rekonstruiert. Während dieser Zeit übernahm die Betriebsstelle 4 die Aufgaben der "137". In dieser Zeit fanden auch mehrere Besuche durch hochrangige Vertreter der Verwaltung Aufklärung statt, um die Bedeutung der Betriebsstelle 4 zu verdeutlichen. So erschienen z.B. der Chef Aufklärung, Generalleutnant Krause und der Stellvertreter für Operativ-Taktische Aufklärung Generalmajor Rother.Die Verwaltung Aufklärung wurde 1987 in "Bereich Aufklärung" und das FuAR-2 in "Zentraler Funkdienst" umbenannt.

Der Betrieb der Betriebsstelle 4 wurde Ende 1990 komplett eingestellt. Die Sendestelle wurde in einwandfreiem und funktionstüchtigen Zustand an die Bundeswehr übergeben. Dabei entstanden die veröffentlichten Bilder. Die Bundeswehr hatte jedoch kein Interesse an diesem Objekt und übertrug es an das Bundesvermögensamt.1992 gab es Interessenten für eine zivile Nutzung. Die Technik, als auch die bauliche Substanz, war hier noch voll einsatzbereit. Die Größenordnung der Betriebsstelle 4 überschritt jedoch bei weitem die Vorstellung dieser Interessenten, so dass das Objekt weiter ungenutzt blieb.Bei einem nächsten Besuch im April 1995  herrschte hier nur noch Chaos. Das Objekt wurde zwischenzeitlich aufgebrochen, die Technik größtenteils unfachmännisch ausgeschlachtet und anschließend wurde im Objekt randaliert. Dies ging soweit, dass selbst alte Autoreifen im Gebäude abgebrannt wurden. Ob die Demontage und die Randale durch die gleichen Leute erfolgte, entzieht sich meiner Kenntnis. Jeder möge sich bei den folgenden Fotos seine eigenen Gedanken machen.

                            1990                               1995

        Reihe KN5-E

        Reihe KN1-E       

        Gestell KN5-E