Als letztes Bedürfnis soll hier die Schaffung eines Flugzeuges zur Funkaufklärung kurz dargestellt werden. Ziel war es, daß die militärischen Aufklärer u.a. den grenznahen Funkverkehr der NATO-Landstreitkräfte abschöpfen wollten, um als Vorwarnung den Moment bestimmen zu können, wenn die NATO-Truppen ihre Bereitstellungsräume in Grenznähe beziehen würden. Im Kdo. LSK/LV wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, um dieses Bedürfnis mit vorhandenen Mitteln zu erfüllen, der FID war wie fast immer dabei - natürlich wieder die Funker, es ging ja um Funkauf-klärung. Als Basisflugzeug wurde eine Transportmaschine AN-26T der Transportfliegerstaffel TS-24 in Dresden ausgewählt. In dieses Flugzeug mußten 5 bis 8 Arbeitsplätze für Bediener, Spezialausrüstung u. a. m. untergebracht werden. Da das Flugzeug im wesentlichen in seiner Konfiguration erhalten werden sollte, bis auf zusätzliche Antennenanbauten, wurden mobile Arbeitsplätze durch die ZTIE gebaut, die auf dem Lastenföderband der Frachtkabine mit Schnellverschlüssen befestigt werden konnten. Kabelbäume, Maschinenumformer (vom 27 V-Bordnetz in 220 V /50 Hz), Nachrichtenverbindungen untereinander und zur Flugzeugbesatzung sowie Ankopplung an einzelne COM- und NAV-Bordsysteme waren Einzelaktivitäten bis zum erfolgreichen Einsatz des ersten und auch einzigen Funkaufklärers der DDR. Offensichtlich wurden diese Aktivitäten auch von der anderen Seite verfolgt. Beim ersten Einsatz entlang der Staatsgrenze West wurde dann die AN-26 fast folgerichtig über der offenen Ostsee von einem Paar dänischer F-16 abgefangen.
Die Entstehung des CLA-85
OSL a. D. Hentschel erinnert sich:
Mitte der 80er Jahre wurde ich zum Chef FID gerufen und erhielt die Aufgabe, im Zusammenwirken mit dem Chef Aufklärung der Luftstreitkräfte und den Truppeninstandsetzungseinrichtungen der Luftstreitkräfte eine Möglichkeit zu schaffen, die Luftbildaufklärung kurzfristig technisch zu stärken. Eigentlich hatte dieses Problem mit den Aufgaben und der fachlichen Verantwortung der Unterabteilung FFMA nichts zu tun, Luftbildkameras fielen in das Aufgabengebiet von Elektro-Spezialausrüstung. Aber man glaubte wohl, daß hier die Elektroniker wieder eine Lösung finden würden. Und wir fanden. Folgende Ausgangssituation bestand:
· In den LSK waren für die Armeefliegerkräfte zwei Aufklärungsfliegerstaffeln gebildet worden, die mit Flugzeugen Mig-21 ausgerüstet waren. Flugzeuge Mig-21R (R wie Raswetschik = Aufklärer) mit spezieller Aufklärungstechnik waren nicht im Bestand der LSK, und die Flugzeuge Su-22 konnten wohl mit Aufklärungscontainern bestückt werden, mußten aber im wesentlichen andere Aufgaben erfüllen.
· Die o. g. Mig-21 waren z. T. mit Luftbildkameras ausgestattet worden, die anstelle eines Landescheinwerfers in die Tragfläche eingesetzt wurden. Die Möglichkeiten dieser relativ kleinen und starr eingebauten Kameras waren natürlich sehr begrenzt.
· Es standen jedoch einige große Luftbildkameras AFA (mit großer Brennweite) sowjetischen Ursprungs zur Verfügung, die sich jedoch nicht in die relativ kleine Zelle der Mig-21 integrieren ließen.
· Die Flugzeugwerft Dresden (FWD) hatte wohl die Auflage erhalten, in Zusam-menarbeit mit Carl Zeiss Jena einen „universellen“ Aufklärungscontainer zu entwickeln und zu produzieren, aber Anfang und Ende waren nicht abzusehen, auch reichten wohl wieder einmal die Mittel nicht.
Schlußfolgerung für uns: Laßt euch einmal etwas einfallen!
Und wir ließen natürlich. Wir hatten nun eine große, fast unförmige
Kamera, wir kannten die Forderungen der Aufklärer, im gesamten Höhenbereich
der Mig-21 Senkrecht- und/oder Schräg-aufnahmen zu machen. Und wir hatten
aus dem Aufklärungsregiment der Land-streitkräfte (Dessau) einen talentierten
Elektronikpraktiker zur Unterstützung. Es stand ja von Anfang an fest,
die Kamera mußte außerbords mitgeführt werden, ein Eingriff
in die Verkabelung der Flugzeuge verbot sich aus den verschiedensten Gründen
auch. Also mußte eine Funkfernsteuerung her - und wieder schloß
sich der Kreis zum Fachgebiet FFMA.
Mit der Elektronik würden wir schon klar kommen, dachten wir. Das größte
Problem zu Beginn der „Entwicklung“ war die Außenbordaufhängung
der Kamera, einschließlich der Fernsteuereinrichtung nebst Stromquelle,
die auch die Kameraheizung während des Fluges absichern sollte. Also gelangten
wir wieder bei einem Container an. Aber wir waren nicht in der Lage, einen Container
zu entwickeln. Hauptprobleme wären wohl die Festigkeitsberechnungen der
Containerzelle und seiner Aufhängung am Flugzeug gewesen. Zu unseren „Zellespezialisten“
brauchten wir auch nicht zu gehen, die waren für so etwas nicht ausgebildet
(besser: sie fühlten sich nicht zustkompetent), obwohl sie während
des Studiums Konstruktionslehre, technische Mechanik und Festigkeitslehre bis
zum Erbrechen gepaukt hatten. Als „Notlösung“ suchten wir also
eine einfach zu realisierende Ersatzvariante. Diese wurde in der Nutzung eines
Abschußbehälters UB-16 für ungelenkte 57mm-Raketen gefunden.
Dieser Behälter verfügte über eine stabile Zellekonstruktion
(im Originalzustand), über genormte Flugzeuganschlüsse (Aufhängeösen
für Bombenschlösser), und sein Heckteil war abnehmbar. Wenn man die
16 Abschußrohre demontiert, den Abschußbehälter in der Mitte
auftrennt (zur Kameraaufnahme), in das Heck eine Stromquelle installiert und
eine Fernsteuerung einbaut, müßte doch das Containerproblem zu lösen
sein.
Von ausgesonderter Flugzeugtechnik stellten wir erst einmal einige der genannten Abschußblöcke UB-16 sicher und überführten diese in die FRW-24 nach Kamenz. Zusammen mit den Fachleuten dieser Truppeninstandsetzungseinrichtung, die mit großem Eifer und Erfindergeist an diese auch für sie neue Aufgabe herangingen, bauten wir ein Erprobungsmuster des CLA-85 (Container Luftaufklärung 1985). Vom UB-16 wurde in der Mitte ein Segment herausgeschnitten, um Platz für die Kamera und ihre Aufhängung zu schaffen. Diese Aufhängung gestattete es, vor dem Flug den seitlichen Blickwinkel der Kamera einzustellen, entweder senkrecht nach unten oder nach rechts oder links um 30° bzw. 60° zur Senkrechten geschwenkt. Die Kamera war nun so groß, daß das Objektiv unten aus dem Container herausragte. Dafür wurde eine aerodynamische Verkleidung (Anströmblech) ohne Berechnung und ohne Windkanal (die Aerodynamiker mögen nachsichtig sein) angebaut. Die Containerspitze wurde ebenso aerodynamisch verkleidet (siehe oben), da die Abschußrohre nicht mehr vorhanden waren. In diese Verkleidung wurde der Fernsteuerempfänger eingebaut, außen wurde die Antenne angebracht. In das Heck wurde ein Flugzeugakkumulator (Silber-Zink) montiert. Der mitarbeitende Elektroniker aus Dessau baute die gesamte Fernsteuereinrichtung, auch den Sender mit Bedienelementen für das Cockpit.
Nachdem das alles labor- und werkstattmäßig gelöst war und funktionierte, begann in der TAFS-47 (Taktische Aufklärungsfliegerstaffel) in Preschen die praktische Boden- und Flugerprobung. Schnell stellte sich heraus, daß man für Arbeiten am Container CLA eine Vorrichtung benötigte, die eine Arbeit abgesetzt vom Flugzeug ermöglichte. Nachdem eine solche Stellage mit vier Beinen und Bombenschlössern erdacht und gebaut war, konnten die einzelnen Funktionen am Flugzeug, insbesondere die Fernsteueranlage, geprüft werden. Wie fast immer war auch der Kollege Murphy anwesend. Zuerst gab es Probleme mit der Fernsteuerung, die wohl hauptsächlich an der Antenne lagen. Unser Dessauer Mitarbeiter drohte schon mit der öffentlichen Ver-brennung seiner Antennenlehrbücher.
Als nächstes gab es Probleme mit der Containeraufhängung. Nachdem der CLA an den Bombenschlössern hing, mußten die vier sogen. Bombenstützen (an Bolzen befestigte Teller) gegen den Container gepreßt werden, damit dieser mechanisch fest arretiert war. Beim Festziehen der Bolzen übten aber diese „Teller“ einen solchen Druck auf den Container aus, daß sich dieser zu deformieren begann und die Schwenkbarkeit der Kamera blockierte. Nachdem auch dieses Problem durch Verstärkungselemente beseitigt worden war (die stabilisierenden Abschußrohre waren ja demontiert worden) und der CLA-85 auch die Bodentests am Flugzeug bestanden hatte, begann die Flugerprobung. Vorher mußte natürlich noch ein Erprobungsbefehl durch den Chef LSK/LV unterschrieben werden, in dem auch die Randbedingungen für die Flugerprobung festgelegt wurden.
So begann eines Morgens in Preschen an der Vorstartlinie (VSL) die entscheidende Etappe: Rollen mit Container, Beschleunigung mit Nachbrenner (NB max.), erster Flug im unteren Geschwindigkeitsbereich bis hin zu hohen Unterschallgeschwindigkeiten und Manövern. Zwischendurch wurde natürlich der Container, die Aufhängung, sein Verhalten im Flug immer wieder geprüft. Als dann gestochen scharfe Luftbilder vom Dresdner Zwinger vorlagen, die über Pirna gemacht wurden, konnten wir sagen, die Aufgabe wurde erfogreich erfüllt. Zusammen mit vielen Mechanikern, Technikern und Ingenieuren sowie dem Erprobungspiloten haben wir einen Aufklärungscontainer geschaffen, der später in Kleinserie produziert und auch weiter modifiziert wurde (Videokamera und Präzisionskamera aus Jena).
Wir haben bewiesen, daß mit ingenieurmäßigem
Herangehen, Verantwortungs-bewußtsein, gepaart mit vertretbarem Risiko,
Lösungen möglich sind, die im Entwicklungstempo und in der Truppenwirksamkeit
den zähen und teueren industriellen Lösungen überlegen oder zumindestens
ebenbürtig sein können, wenn auch diese „Edelbastelei“
ihre Grenzen hat.
danke Herrn Thomas Hentschel für die Freigabe der Auszüge,
Hans J. Vogl , Juli/2003